Die kurze Antwort
Nüchtern sein müssen Sie vor allem für den Nüchternblutzucker, die Triglyceride, den Zuckerbelastungstest (oGTT), meist auch für Eisenwerte und für den Gesundheits-Check-up ab 35, weil er einen Nüchternblutzucker enthält. Ein Blutbild, der HbA1c, die Schilddrüsenwerte und in der Regel Leber- und Nierenwerte brauchen keine Nüchternheit.
Eine bundesweit einheitliche Regel gibt es in Deutschland nicht. Universitätslabore wie Bonn bestellen im Regelfall nach etwa 12 Stunden ohne Essen ein, während das Zentrallabor Tübingen festhält, dass Cholesterin in der Regel keine Nüchternprobe braucht. Entscheidend ist, was auf Ihrer Anforderung steht.
Welche Blutwerte misst man nüchtern?
Der klare Fall ist der Nüchternblutzucker. Das IQWiG definiert ihn als Wert nach mindestens 8 Stunden ohne Essen und ohne Getränke außer Wasser. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft nennt 8 bis 12 Stunden und eine Abnahme zwischen 8 und 9 Uhr, weil der Blutzucker im Tagesverlauf schwankt.
Für die Triglyceride rät das IQWiG zu 8 Stunden ohne Essen und nur stillem Wasser, weil eine fett- oder zuckerreiche Mahlzeit den Wert erhöht. Beim oGTT verlangt die DDG 8 bis 12 Stunden ohne Essen, Nikotin und Alkohol und davor mindestens drei Tage mit ausreichend Kohlenhydraten.
Für die Transferrin-Sättigung, einen der Eisenwerte, sollten Sie laut IQWiG nüchtern sein; der Eisenwert selbst steigt nach dem Essen vorübergehend und schwankt über den Tag stark.
Für welche Bluttests muss man nicht nüchtern sein?
Ein großes oder kleines Blutbild steht nicht auf den Listen nüchternpflichtiger Untersuchungen und kann zu jeder Tageszeit abgenommen werden. Der HbA1c braucht ebenfalls keine Nüchternheit: Die DDG nennt ihn ausdrücklich unabhängig von Tageszeit und Nüchternzustand, weil er den durchschnittlichen Blutzucker der letzten 8 bis 12 Wochen abbildet.
Schilddrüsenwerte wie der TSH brauchen keine Nüchternheit, aber die Uhrzeit zählt mehr als das Frühstück. In einer dänischen Auswertung von 20.019 TSH-Werten verschob die Tageszeit der Abnahme den TSH so stark, dass es für die Beurteilung relevant war. Die DEGAM-Leitlinie verlangt Kontrollen unter denselben Bedingungen. Wer L-Thyroxin nimmt, schluckt die Tablette am Kontrolltag in der Regel erst nach der Abnahme; mehr dazu bei den Medikamenten vor der Blutabnahme.
Leber- und Nierenwerte werden in der Regel ebenfalls ohne Nüchternheit bestimmt, auch wenn manche Labore laut der US-Bibliothek MedlinePlus dafür Nüchternheit verlangen. Im Zweifel entscheidet Ihre Anforderung.
- BlutbildNicht nüchtern nötig. Jede Tageszeit geht.
- HbA1cNicht nüchtern nötig. Essen und trinken Sie wie gewohnt.
- TSH und SchilddrüseNicht nüchtern nötig. Jedes Mal zu ähnlicher Uhrzeit.
- Leber- und NierenwerteMeist nicht nüchtern nötig. Prüfen Sie die Anweisung.
Cholesterin: nüchtern oder nicht?
Jahrzehntelang hieß Cholesterintest: über Nacht fasten. Seit 2016 empfehlen die European Atherosclerosis Society und die europäische Labormedizin-Föderation EFLM gemeinsam das Gegenteil: Blutfette standardmäßig ohne Nüchternheit messen.
Die Unterschiede sind klein. Nach einer normalen Mahlzeit steigen die Triglyceride im Durchschnitt höchstens um etwa 26 mg/dl (0,3 mmol/l), Gesamt- und LDL-Cholesterin sinken um etwa 8 mg/dl (0,2 mmol/l), das HDL bleibt praktisch gleich. Für die Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verliert der Wert dadurch nichts, und Fachgesellschaften von Dänemark über Großbritannien bis Kanada und den USA empfehlen ebenfalls die nicht nüchterne Messung. Nüchtern wiederholt wird nur, wenn die nicht nüchternen Triglyceride über 440 mg/dl (5 mmol/l) liegen.
In Deutschland ist das Bild gemischt. Das IQWiG schreibt, dass Mahlzeiten den Cholesterinwert kaum beeinflussen und Nüchternheit nicht zwingend nötig ist, Ärztinnen und Ärzte sie aber oft trotzdem empfehlen, weil andere Werte mitbestimmt werden. Hat Ihre Praxis Blutfettwerte ohne Nüchternheit angefordert, ist das keine Abkürzung, sondern der Stand der europäischen Empfehlung.
Check-up 35: Hier gilt nüchtern
Der Gesundheits-Check-up der gesetzlichen Krankenkassen ist das bekannteste Beispiel. Laut Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses gehören ab 35 Jahren ein Lipidprofil (Gesamtcholesterin, LDL, HDL, Triglyceride) und der Nüchternplasmaglukosewert dazu; zwischen 18 und 34 Jahren nur bei entsprechendem Risiko, etwa Übergewicht oder Bluthochdruck.
Das Gesundheitsportal gesund.bund.de sagt es deutlich: Zum Termin muss man nüchtern erscheinen, und für den Blutzucker ist das wesentlich. Ein Blutbild, Leber- oder Nierenwerte gehören übrigens nicht zum Check-up.
Ist es schlimm, wenn man vor der Blutabnahme etwas gegessen hat?
Wenn nichts auf Ihrer Anforderung Nüchternheit verlangt: nein. Vor einem Blutbild, einem HbA1c oder einem TSH stört ein normales Frühstück nicht.
Steht ein Nüchternwert dabei, sagen Sie es offen bei der Anmeldung. Bei Blutzucker oder Triglyceriden kann ein neuer Termin sinnvoller sein als ein Wert, der nach dem Frühstück zu hoch ausfällt und unnötig beunruhigt. Selbst beim Blutzucker gibt es eine Ausnahme: Ein Gelegenheitsblutzucker wird ohne Rücksicht auf die letzte Mahlzeit gemessen und zählt für die Diagnose nur, wenn er klar erhöht ist, ab 200 mg/dl (11,1 mmol/l).
Warum man Sie trotzdem nüchtern einbestellt
Weil die Anweisung meist für die ganze Anforderung gilt, nicht Zeile für Zeile. Stehen auf einer Anforderung Blutbild, Elektrolyte im Blut, Leber- und Nierenwerte neben einem Nüchternblutzucker, macht dieser eine Wert den ganzen Termin nüchtern, und es entsteht der Eindruck, alle Werte hätten es verlangt.
Dazu kommen Gewohnheiten. Fachleute für Labormedizin weisen darauf hin, dass Nüchternheit von Einrichtung zu Einrichtung unterschiedlich definiert wird, und Universitätslabore wie Tübingen nehmen standardmäßig morgens zwischen 7 und 9 Uhr ab. Folgen Sie der Anweisung auf Ihrer eigenen Anforderung, nicht einer Tabelle im Internet, auch nicht dieser.
Und wenn Sie unnötig nüchtern bleiben?
Für die meisten Werte, die keine Nüchternheit brauchen, kostet eine unnötige Fastenzeit nur das Frühstück. Der Befund leidet nicht darunter.
Die Ausnahme ist die Sicherheit. Wenn Sie Insulin oder eine blutzuckersenkende Tablette nehmen, erhöht Fasten bei gewohnter Dosis das Risiko einer Unterzuckerung. Fasten Sie dann nicht ohne Auftrag, und wenn doch, fragen Sie die verordnende Praxis, was am Morgen gilt.