Drei Zellfamilien statt zwanzig Urteile

Ein Blutbild zählt und vermisst die Zellen des Blutes: rote Blutkörperchen (Erythrozyten), weiße Blutkörperchen (Leukozyten) und Blutplättchen (Thrombozyten). Alles andere auf dem Befund beschreibt diese drei Familien, etwa Hämoglobin, Hämatokrit und MCV. Was im Blut gelöst ist, wie Elektrolyte oder Cholesterin, wird getrennt untersucht.

Zwölf oder zwanzig Zeilen sind also nicht zwölf oder zwanzig Ergebnisse, sondern drei Fragen mit den Angaben, die man zu ihrer Beantwortung braucht.

Zwei Bilder helfen, die Familien auseinanderzuhalten. Die neutrophilen Granulozyten sind die Feuerwehr des Körpers: Sie sind als Erste am Brandherd, wenn Bakterien eindringen. Die Blutplättchen sind die kleinen Pflaster des Blutes, wie Flicken, die ein Loch im Fahrradschlauch abdichten.

Kleines Blutbild, Differentialblutbild, großes Blutbild: der Unterschied

Das kleine Blutbild ist die Routineuntersuchung. Es enthält die Zahl der roten und weißen Blutkörperchen und der Blutplättchen, das Hämoglobin, den Hämatokrit und die Erythrozyten-Indizes MCV, MCH und MCHC. Für die weißen Blutkörperchen nennt es nur eine Gesamtzahl.

Das Differentialblutbild teilt diese Gesamtzahl in ihre Arten auf, oft in Prozent und als absolute Zahl, meist per Analysegerät, manchmal unter dem Mikroskop am Blutausstrich. Kleines und Differentialblutbild zusammen ergeben das große Blutbild. Erst die Aufteilung macht aus einer auffälligen Gesamtzahl eine Frage, die sich beantworten lässt.

Ohne konkreten Anlass wird das große Blutbild häufig als Selbstzahlerleistung „zur Gesundheitsvorsorge“ angeboten. Was es kostet und wann die Krankenkasse zahlt, steht auf einer eigenen Seite.

  1. Neutrophile GranulozytenMit bis zu 75 % die größte Gruppe. Sie machen vor allem Bakterien unschädlich; viele davon im Blut sprechen meist für eine bakterielle Infektion.
  2. LymphozytenB-Zellen bekämpfen eindringende Viren, Bakterien und Giftstoffe; manche T-Zellen zerstören infizierte Zellen.
  3. MonozytenSie töten Keime ab, verstärken die Immunantwort und räumen abgestorbene Zellen weg.
  4. Eosinophile und BasophileSie wehren Parasiten ab und sind an allergischen Reaktionen und an Asthma beteiligt.

Die Werte des kleinen Blutbilds

Die Tabelle zeigt die Orientierungswerte des IQWiG für Erwachsene. Maßgeblich ist immer der Bereich, den Ihr eigenes Labor neben den Wert druckt.

Achten Sie auf die Einheit: Dieselbe Zahl der Blutplättchen kann als „/nl“, „Tsd./µl“ oder „10⁹/l“ dastehen. Beim Hämoglobin ändert die Einheit dagegen die Zahl: 13,0 g/dl entsprechen etwa 8,1 mmol/l.

WertOrientierung für ErwachseneWas er beschreibt
Hämoglobin (Hb)Frauen 11,5–16,0 g/dl, Männer 13,5–17,8 g/dlRoter Blutfarbstoff, transportiert Sauerstoff
ErythrozytenFrauen 4,1–5,1, Männer 4,5–5,9 Mio./µlZahl der roten Blutkörperchen
MCV80–96 flDurchschnittliche Größe der roten Blutkörperchen
Leukozyten4,0–10,0 Tsd./µlGesamtzahl der weißen Blutkörperchen
ThrombozytenFrauen 170–450, Männer 140–390 Tsd./µlBlutplättchen für die Blutgerinnung
Neutrophile53–75 % oder 3150–6200/µlGrößte Gruppe der weißen Blutkörperchen (Differentialblutbild)

Wie die Zeilen zusammen gelesen werden

Hämoglobin und MCV sind das klassische Paar. Ein niedriges Hämoglobin zeigt eine Blutarmut an, das MCV beginnt zu sagen, welche Art. Zu kleine rote Blutkörperchen weisen meist auf einen Eisenmangel hin, zu große eher auf einen Mangel an Vitamin B12 oder Folsäure.

Kann man Eisenmangel im kleinen Blutbild sehen? Oft erst spät. Das Ferritin, der Eisenspeicher, gehört nicht zum Blutbild, und der Speicher kann sich leeren, bevor das Hämoglobin sinkt. Ein Schweizer Expertenkonsens wertet bei Menschen ohne Entzündung ein Ferritin unter 30 µg/l als Eisenmangel, auch wenn das Blutbild noch unauffällig ist. Die Eisenwerte wie das Ferritin werden deshalb eigens angefordert.

Die weißen Blutkörperchen liest man als Gesamtzahl und als Aufteilung: Eine von den Neutrophilen getragene Erhöhung deutet in eine andere Richtung als eine von den Lymphozyten getragene, und keine ist für sich eine Diagnose. Bei den Blutplättchen beschreibt das mittlere Plättchenvolumen (MPV) ihre Größe, nicht ihre Zahl.

Welche Krankheiten ein großes Blutbild zeigen kann

Ein Blutbild ist ein breiter erster Blick, kein Test auf eine bestimmte Krankheit. Die roten Blutkörperchen können eine Blutarmut zeigen, die weißen auf eine Infektion, Entzündung, Allergie oder eine Störung im Knochenmark hindeuten, die Blutplättchen erklären, warum jemand leicht blaue Flecken bekommt oder lange blutet.

Die Liste möglicher Ursachen ist in beide Richtungen lang. Viele weiße Blutkörperchen finden sich bei Infektionen und Entzündungen, aber auch bei Stress, in der Schwangerschaft, durch Rauchen und seltener bei einer Leukämie. Wenige können von Medikamenten, schweren Infektionen, Erkrankungen des Knochenmarks oder einer Krebsbehandlung kommen. Genau deshalb zählen das Differentialblutbild, die anderen Familien und der Anlass der Untersuchung mehr als die Gesamtzahl allein.

Warum hier auch Gesunde markiert werden

Ein Blutbild hat viele Zeilen, und jeder Referenzbereich ist so festgelegt, dass etwa einer von zwanzig Gesunden außerhalb liegt. Bei einem so langen Befund ist irgendwo eine Markierung bei einem völlig gesunden Menschen wahrscheinlicher als keine.

Auch der Alltag verschiebt diese Zeilen. Wer zu wenig getrunken hat, kann ein höheres Hämoglobin haben, ohne dass mehr Blutfarbstoff im Körper ist: Es fehlt nur Flüssigkeit. Selbst eine leichte Mahlzeit verändert einige Werte in den Stunden danach messbar, vor allem die Lymphozyten.

Rauchen ist die Erklärung, die selten jemand nennt. In einer Studie mit 156 gesunden Erwachsenen hatten die 56 Rauchenden mehr weiße Blutkörperchen und mehr Hämoglobin; in einer zweiten wuchs der Effekt mit der Menge, bei starkem Rauchen vor allem bei den Leukozyten und Neutrophilen. Erhöhte Leukozyten bei Rauchern haben deshalb oft eine einfachere Ursache als eine Infektion.

Niedrige Neutrophile, die zu Ihnen gehören

Eine Markierung verdient einen eigenen Abschnitt, weil sie so oft falsch gelesen wird. Viele Menschen mit afrikanischen Vorfahren tragen das Blutgruppenmerkmal Duffy-null. Es geht mit weniger Neutrophilen einher, ohne dass das Infektionsrisiko steigt. In einer US-Hausarztstudie mit gesunden Schwarzen Erwachsenen hatten zwei von drei dieses Merkmal.

Etwa jede vierte dieser gesunden Personen hatte weniger als 2000 Neutrophile pro µl (2,0 Tsd./µl), einen Wert, den viele Labore markieren. Die Forschenden halten den Unterschied für klinisch bedeutungslos und fordern eigene Referenzbereiche. Sind Ihre Neutrophilen auf jedem Befund leicht erniedrigt und geht es Ihnen gut, fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt danach.

2 von 3
gesunden Schwarzen Erwachsenen in der Studie hatten das Merkmal Duffy-null.[15]
2820 zu 5005
Typische Zahl der Neutrophilen pro µl: mit Duffy-null gegenüber ohne.[15]

Wann ein Blutbild Anlass zur Sorge ist

Fragen Sie, wie weit ein Wert außerhalb liegt, nicht ob. Blutplättchen von 145 bei einer Untergrenze von 150 und Blutplättchen von 40 tragen dieselbe Markierung und bedeuten etwas völlig anderes.

Vergleichen Sie dann mit Ihrem früheren Blutbild. Ein stabiler Wert knapp außerhalb des Bereichs ist etwas anderes als derselbe Wert, der zum ersten Mal auftaucht.

Ein zeitnahes Gespräch statt eines Routinetermins verdienen: ein Wert weit außerhalb seines Bereichs, mehrere Familien, die sich gemeinsam bewegen, etwa wenige rote und weiße Blutkörperchen und wenige Blutplättchen auf demselben Befund, oder eine Markierung zusammen mit Fieber, ungewöhnlichen blauen Flecken oder Blutungen.