Die kurze Antwort
Für eine Blutabnahme nüchtern zu sein heißt: 8 bis 12 Stunden nichts essen und nichts trinken außer Wasser. Eine bundesweit einheitliche Vorgabe gibt es nicht. Viele Labore, etwa an den Unikliniken Göttingen und Bonn, verlangen im Regelfall etwa 12 Stunden; für den Nüchternblutzucker nennt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) eine Fastenzeit von 8 bis 12 Stunden.
Wie lange Sie nüchtern bleiben müssen, hängt also vom Laborauftrag ab, und diese Liste ist kürzer geworden: Die meisten Routinewerte brauchen gar keine Nüchternheit, und für das Cholesterin hält das IQWiG sie nicht für zwingend.
Der Grund ist mechanisch. Eine Mahlzeit löst im Blut stundenlang deutliche Veränderungen aus, zuerst bei Zucker und Fetten. Ein Nüchternblutzucker nach dem Frühstück misst das Frühstück, nicht Ihren Stoffwechsel. Die roten Blutkörperchen im Blutbild reagieren so nicht, deshalb kann ein Blutbild zu jeder Tageszeit abgenommen werden.
Eine Regel schlägt jede Tabelle, auch diese: Maßgeblich ist der Hinweis Ihrer Praxis oder Ihres Labors. Steht dort „nüchtern“ und Sie haben gegessen, sagen Sie es vor der Blutabnahme.
Was „nüchtern“ genau bedeutet
Kein Essen und kein Getränk außer Wasser, für die angegebene Zahl an Stunden und bis zur Blutabnahme. Auch Kaugummi, Rauchen und Sport lassen Sie in dieser Zeit weg, weil jedes davon die Ergebnisse verändern kann.
Das ist weniger selbstverständlich, als es klingt. Als Forschende 150 Patientinnen und Patienten bei der Ankunft zur Blutabnahme befragten, konnten nur 39 % Nüchternheit richtig definieren, und 46 % hielten es für ausreichend, am Vortag zuletzt gegessen zu haben, egal zu welcher Uhrzeit.
Ein Teil der Verwirrung liegt nicht bei Ihnen. Fachleute der Labormedizin weisen selbst darauf hin, dass Nüchternheit von Einrichtung zu Einrichtung unterschiedlich definiert wird. Eine europäische Arbeitsgruppe hat deshalb eine gemeinsame Definition vorgeschlagen: 12 Stunden ohne Essen, Wasser erlaubt, Blutabnahme morgens zwischen 7 und 9 Uhr, 24 Stunden ohne Alkohol und am Morgen weder Zigarette noch koffeinhaltige Getränke.
Praktisch heißt das: abends zu Ende essen, über Nacht und am Morgen wie gewohnt Wasser trinken und sonst nichts zu sich nehmen, bis die Nadel sitzt.
Wie lange nüchtern vor der Blutabnahme?
In Deutschland regelt das jedes Labor selbst, und die Hinweise ähneln sich. Das Labor der Universitätsmedizin Göttingen verlangt im Regelfall 12 Stunden ohne Nahrung und 24 Stunden ohne Alkohol, ideal ist eine Blutabnahme zwischen 7 und 9 Uhr. Das Zentrallabor der Uniklinik Bonn empfiehlt, die letzte Mahlzeit am Vorabend spätestens zwischen 19 und 20 Uhr einzunehmen und morgens zwischen 7 und 10 Uhr abzunehmen.
Das IQWiG nennt als Minimum 8 Stunden, für den Nüchternblutzucker wie für die Triglyceride. Das Abendessen am Vortag essen Sie normal, nur rechtzeitig.
Rechnen Sie vom Termin aus zurück. Bei einer Blutabnahme um 8 Uhr und 12 Stunden Nüchternheit ist die letzte Mahlzeit um 20 Uhr am Vorabend, bei 8 Stunden um Mitternacht. Ein früher Termin legt den größten Teil der Nüchternzeit in Ihren Schlaf.
Nüchternheit je nach Untersuchung
Nutzen Sie die Tabelle als Orientierung und gleichen Sie sie mit Ihrem Laborauftrag ab: Die Vorgaben unterscheiden sich von Labor zu Labor, und viele deutsche Labore bitten bei den Blutfettwerten weiterhin um Nüchternheit.
Sobald ein einziger Wert auf dem Auftrag Nüchternheit braucht, wird der ganze Termin zum Nüchterntermin. Stehen etwa neben den Elektrolyten im Blut auch Blutzucker oder Triglyceride auf dem Auftrag, kommen Sie nüchtern. Das gilt auch für den Gesundheits-Check-up der Krankenkassen, bei dem ab 35 Blutfettwerte und Nüchternblutzucker bestimmt werden: Zu diesem Termin sollen Sie laut gesund.bund.de nüchtern erscheinen.
| Untersuchung | Nüchtern? | Was sich ändert, wenn Sie essen |
|---|---|---|
| Nüchternblutzucker | 8–12 h | Steigt schon Minuten nach dem Essen. Der Wert verliert seine Aussage. |
| Blutfettwerte | Cholesterin nicht zwingend, Triglyceride ja | Cholesterin ändert sich kaum. Triglyceride steigen nach einer normalen Mahlzeit um bis zu etwa 26 mg/dl, deshalb verlangen viele Labore 8–12 h. |
| Kleines und großes Blutbild | Nein | Eine leichte Mahlzeit verschiebt einzelne Zellzahlen kaum, nicht genug, um Nüchternheit zu verlangen. |
| Leberwerte | Meist nein | Meist stabil; eine große, fette Mahlzeit kann einzelne Werte verschieben. Vor der Gamma-GT mindestens 12 h keinen Alkohol. |
| Nierenwerte | Nein | Kreatinin ändert sich nach einer normalen Mahlzeit wenig. |
| Schilddrüsenwerte | Nein | TSH schwankt über den Tag, nachts am höchsten, nachmittags am niedrigsten. Am besten morgens und immer zur gleichen Zeit. |
| Eisenwerte | Morgens, möglichst nüchtern | Eisen steigt nach dem Essen vorübergehend an; für die Transferrin-Sättigung sollen Sie nüchtern sein. |
| HbA1c | Nein | Spiegelt die letzten 8 bis 12 Wochen. Eine Mahlzeit sieht man darin nicht. |
Nüchternblutzucker: Reichen 8 Stunden?
Ja. Das IQWiG definiert den Nüchternblutzucker als Wert nach mindestens 8 Stunden ohne Essen und ohne Getränke außer Wasser, die DDG nennt 8 bis 12 Stunden. Weil der Blutzucker im Tagesverlauf schwankt, empfiehlt die DDG die Abnahme zwischen 8 und 9 Uhr.
Die Genauigkeit zählt, weil die Grenzwerte dicht beieinanderliegen. Unter 100 mg/dl (5,6 mmol/l) gilt der Nüchternblutzucker als unauffällig, 100 bis 125 mg/dl (5,6 bis 6,9 mmol/l) zeigen ein erhöhtes Diabetesrisiko an, ab 126 mg/dl (7,0 mmol/l) spricht man von Diabetes. Eine Probe, die nicht wirklich nüchtern war, kann einen Wert über eine dieser Grenzen schieben. Für die Diagnose braucht es ohnehin mindestens zwei Messungen.
Der HbA1c funktioniert anders: Laut DDG ist er unabhängig von Tageszeit und Nüchternzustand. Stehen beide auf Ihrem Auftrag, gibt der Nüchternblutzucker die Regel für den Morgen vor.
Cholesterin: Europa sagt nein, die deutsche Praxis oft ja
Jahrzehntelang hieß Cholesterinmessung: nüchtern zur Blutabnahme. Seit 2016 empfehlen die Europäische Atherosklerose-Gesellschaft (EAS) und die Europäische Föderation für Klinische Chemie und Labormedizin (EFLM) gemeinsam das Gegenteil: Blutfette standardmäßig ohne Nüchternheit messen.
Die Unterschiede sind klein. Nach einer normalen Mahlzeit steigen die Triglyceride im Mittel um höchstens etwa 26 mg/dl, Gesamt- und LDL-Cholesterin sinken um etwa 8 mg/dl, HDL-Cholesterin, Apolipoprotein B und Lipoprotein(a) bleiben praktisch gleich. Nicht nüchtern gemessene Werte sagen das Herz-Kreislauf-Risiko genauso gut voraus. Nüchtern nachmessen sollte man nur, wenn die Triglyceride nicht nüchtern über 440 mg/dl (5 mmol/l) liegen. Fachgesellschaften in Dänemark, Großbritannien, Kanada, Brasilien und den USA tragen nicht nüchtern gemessene Blutfettwerte in irgendeiner Form mit.
In Deutschland ist das Bild gemischt. Das IQWiG schreibt, Mahlzeiten beeinflussten den Cholesterinwert kaum, nüchtern zu sein sei daher nicht zwingend. Meist rate die Praxis trotzdem dazu, weil oft noch andere Werte gemessen werden, und dann gelten 8 Stunden ohne Essen, nur stilles Wasser. Für die Triglyceride hält das IQWiG diese 8 Stunden für wichtig. Das Zentrallabor der Uniklinik Tübingen braucht für das Cholesterin in der Regel keine Nüchternprobe, für Glukose dagegen schon.
Wasser ja, Kaffee nein
Wasser ist erlaubt, während der ganzen Nüchternzeit und auch am Morgen der Blutabnahme; das IQWiG spricht ausdrücklich von stillem Wasser. Saft, Kaffee, Tee, Limonade und andere Getränke dagegen nicht: Was sie enthalten, gelangt ins Blut und kann die Ergebnisse beeinflussen.
Kaffee überrascht viele, auch schwarz und ungesüßt. In einer Crossover-Studie hatten gesunde Männer, die eine Stunde vor einer Mahlzeit koffeinhaltigen Kaffee tranken, einen um 147 bis 216 % stärkeren Blutzuckeranstieg als nach entkoffeiniertem Kaffee, und ihre Insulinempfindlichkeit sank um bis zu 40 %. In einer weiteren Studie hob Kaffee eine halbe Stunde vor einer Zuckerlösung das Insulin stärker an als Wasser.
Die Studienlage ist nicht einseitig. In einer Studie von 2023 mit 27 Freiwilligen veränderte ein Espresso eine Stunde vor der Blutabnahme keinen der üblichen Blutwerte in klinisch bedeutsamer Weise. Das beruhigt, wenn es Ihnen passiert ist, ändert aber nichts an der Regel, die den Nüchternblutzucker schützt.
Der Abend vorher
Essen Sie ein normales Abendessen. Kein Lebensmittel ist verboten, aber Fachleute der Labormedizin weisen darauf hin, dass die Reaktion des Körpers auf eine Mahlzeit von ihrer Zusammensetzung und ihrem Zeitpunkt abhängt, ebenso von Rauchen, Kaffee und Alkohol. Meiden sollten Sie einen ungewöhnlich schweren, späten oder feuchtfröhlichen Abend.
Verzichten Sie auch auf hartes Training. Laut Uniklinik Tübingen drückt anstrengende Bewegung Flüssigkeit aus den Gefäßen, Zellen und große Eiweiße erscheinen dann konzentrierter, und bei Untrainierten steigen Muskelenzyme wie die CK.
- Uhrzeit festlegenRechnen Sie aus dem Termin aus, wann Sie zuletzt essen dürfen, bevor der Abend beginnt.
- Weiter Wasser trinkenEin, zwei Gläser am Morgen sind in Ordnung und verhindern, dass Sie durstig ankommen.
- Extras weglassenKaugummi, Pfefferminz, Kaffee, Tee und Zigaretten warten bis nach der Blutabnahme.
- Etwas zu essen einpackenEin Snack für danach macht das Warten leichter, besonders wenn Ihnen leicht schwindlig wird.
Medikamente: nichts eigenmächtig absetzen
Nehmen Sie Ihre gewohnten Medikamente mit Wasser weiter, sofern Ihre Ärztin oder Ihr Arzt nichts anderes gesagt hat. Ob die Morgentabletten vor oder nach der Abnahme an der Reihe sind, klären Sie vorab mit der Praxis; Kliniklabore wie das in Bonn nehmen Blut in der Regel vor der Medikamenteneinnahme ab.
Die wichtigste Ausnahme betrifft Diabetes. Insulin und einige Diabetestabletten wie Sulfonylharnstoffe können den Blutzucker zu stark senken, und dieses Risiko steigt, wenn Sie sie nüchtern wie gewohnt nehmen. Lassen Sie sich für den Morgen der Blutabnahme einen Plan geben.
Für L-Thyroxin gibt es eine klare Regel: Die Uniklinik Köln rät, die Tablette am Tag der Blutkontrolle erst nach der Blutabnahme zu nehmen. Bei Eisenwerten kann Ihre Praxis um 12 Stunden Nüchternheit und eine Blutabnahme am Morgen bitten; fragen Sie, ob und wie lange Sie ein Eisenpräparat pausieren sollen. Was auch immer Sie einnehmen: Sagen Sie es dem Labor.
Doch etwas gegessen oder getrunken?
Sagen Sie es vor der Blutabnahme, nicht danach. Die europäische Empfehlung zur venösen Blutentnahme lässt eine Abnahme ohne Nüchternheit nur im Notfall oder für Werte zu, die nachweislich keine Nüchternheit brauchen. Je nach Auftrag kann es also sein, dass Sie wiederkommen müssen.
Vergeblich ist der Weg trotzdem selten: Viele Routinewerte brauchen keine Nüchternheit und können oft gleich abgenommen werden. Schweigen sollten Sie nicht. Ein Blutzucker, der als nüchtern gilt, es aber nicht war, kann ein Problem vortäuschen, das Sie nicht haben, oder eines verdecken, das Sie haben.