Welche Blutwerte in der Schwangerschaft untersucht werden
Welche Blutwerte in der Schwangerschaft bestimmt werden, legt in Deutschland die Mutterschafts-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses fest. Sie gilt für alle gesetzlich Versicherten, und die privaten Krankenversicherungen übernehmen die Vorsorge in der Regel auch. Ihre Frauenärztin, Ihr Frauenarzt oder Ihre Hebamme veranlasst die Untersuchungen, das Labor schickt die Ergebnisse zurück, und die meisten landen in Ihrem Mutterpass.
Die Blutuntersuchungen dienen drei Zwecken. Erstens zeigen sie, ob Sie gut mit Blut versorgt sind, vor allem über das Hämoglobin. Zweitens klären sie Ihre Blutgruppe und ob Ihr Blut Antikörper bildet, die dem Kind schaden könnten. Drittens suchen sie nach Infektionen, die sich behandeln oder deren Übertragung aufs Kind sich verhindern lässt. Später kommt der Test auf Schwangerschaftsdiabetes dazu.
- HämoglobinZeigt, ob eine Blutarmut vorliegt. Gemessen bei der ersten Vorsorge und im Regelfall ab dem 6. Monat bei den Vorsorgeterminen.
- Blutgruppe und RhesusfaktorWichtig für den Fall einer Bluttransfusion und für die Frage, ob eine Anti-D-Prophylaxe nötig ist.
- Antikörper-SuchtestSucht nach Antikörpern gegen fremde Blutgruppenmerkmale. Er wird früh gemacht und zwischen 23+0 und 26+6 Wochen wiederholt.
- InfektionenSyphilis (Lues), Hepatitis B, Röteln-Antikörper ohne dokumentierte zweimalige Impfung, auf Wunsch HIV, dazu Chlamydien in einer Urinprobe.
Der Zeitplan: was wann im Labor landet
Die meisten Bluttests fallen in die erste Vorsorge, die möglichst früh nach der Feststellung der Schwangerschaft stattfindet. Danach sind die Termine bis zur 32. Woche etwa alle vier Wochen vorgesehen, ab der 32. Woche alle 14 Tage. Nicht bei jedem Termin wird Blut abgenommen: Das Hämoglobin wird nach einem normalen Startwert im Regelfall erst ab dem 6. Monat wieder bei den Vorsorgen bestimmt.
Für Rhesus-negative Frauen mit einem Kind gibt es einen zusätzlichen Bluttest. Ab 11+0 Wochen lässt sich aus dem Blut der Mutter bestimmen, ob das Kind Rhesus-positiv oder Rhesus-negativ ist. Ist es Rhesus-negativ, braucht die Mutter keine Anti-D-Prophylaxe.
| Zeitpunkt | Blutuntersuchung | Wozu |
|---|---|---|
| Erste Vorsorge, möglichst früh | Hämoglobin, Blutgruppe und Rhesusfaktor D, Antikörper-Suchtest, Lues-Suchreaktion, HBsAg, Röteln-Antikörper bei fehlender Immunität, HIV-Test auf Wunsch | Ausgangswerte, Blutgruppe, Schutz des Kindes vor übertragbaren Infektionen |
| Ab 11+0 Wochen, nur bei Rhesus-negativen Frauen | Rhesusfaktor des Kindes aus dem Blut der Mutter (NIPT-RhD) | Klärt, ob eine Anti-D-Prophylaxe nötig ist |
| Im Regelfall ab dem 6. Monat, bei den Vorsorgeterminen | Hämoglobin | Blutarmut erkennen; unter 11,2 g/dl werden die roten Blutkörperchen gezählt |
| 23+0 bis 26+6 Wochen | Zweiter Antikörper-Suchtest | Bei Rhesus-negativen Frauen ohne Anti-D-Antikörper folgt zwischen 27+0 und 29+6 Wochen die Anti-D-Prophylaxe |
| 24+0 bis 27+6 Wochen | Zuckertest mit 50 g, bei auffälligem Wert großer Test mit 75 g | Schwangerschaftsdiabetes erkennen |
Hämoglobin: warum es sinkt und wann es zu niedrig ist
In der Schwangerschaft nimmt die Flüssigkeit im Blut zu, und das Hämoglobin pro Deziliter sinkt etwas. Eine internationale Auswertung, die für die Weltgesundheitsorganisation erstellt wurde, setzt die Untergrenze im ersten Schwangerschaftsdrittel bei etwa 11,0 g/dl an und im zweiten bei 10,6 g/dl. Außerhalb der Schwangerschaft liegt sie bei Frauen um 12,0 g/dl.
Ein Hämoglobin von 11,5 g/dl kann auf Ihrem Befund also mit L markiert sein, weil das Labor den Bereich nicht schwangerer Frauen druckt, und trotzdem für Ihre Schwangerschaftswoche im üblichen Rahmen liegen. Die Mutterschafts-Richtlinie zieht ihre Grenze bei 11,2 g/dl: Darunter werden zusätzlich die roten Blutkörperchen gezählt, um eine Blutarmut genauer einzuordnen. Ob ein Eisenmangel dahintersteckt, zeigen erst die Eisenwerte mit dem Ferritin; Ihre Ärztin oder Ihr Arzt entscheidet, ob Sie Eisen nehmen sollten.
Blutplättchen, Schilddrüse und andere Werte, die sich verschieben
Die Blutplättchen gehen in jeder Schwangerschaft zurück, schon ab dem ersten Drittel. In einer US-Studie mit 4 568 unkomplizierten Schwangerschaften lagen sie im ersten Drittel im Mittel bei 251 000 pro Mikroliter, bei nicht schwangeren Frauen bei 273 000. Zur Geburt hatten 9,9 % der Frauen weniger als 150 000 pro Mikroliter (150/nl), meist ohne jede Folge. Erst unter 100 000 pro Mikroliter sollte nach einer anderen Ursache gesucht werden. Wie diese Zeilen im großen Blutbild stehen, erklärt der entsprechende Artikel.
Auch die Schilddrüsenwerte folgen in der Schwangerschaft eigenen Regeln, weil das Schwangerschaftshormon die Schilddrüse anregt. Die Leitlinie der American Thyroid Association empfiehlt Bereiche, die für die Schwangerschaft und das jeweilige Drittel gelten. Hat das Labor keine solchen, nennt sie als Obergrenze für das TSH etwa 4,0 mU/l. Ein TSH-Test gehört nicht zur Routinevorsorge der Mutterschafts-Richtlinie; er wird gemacht, wenn es einen Anlass gibt.
Eine Übersichtsarbeit von 2021 hält fest, dass sich viele weitere Werte, etwa Leber- und Nierenwerte, im Lauf der Schwangerschaft verschieben, und dass die meisten Labore trotzdem die Bereiche nicht schwangerer Erwachsener verwenden.
Was im Mutterpass steht, und was nicht
Der Mutterpass wird meist beim ersten Vorsorgetermin ausgestellt, und alle Untersuchungsergebnisse der Vorsorge werden darin eingetragen. Er ist Ihr Dokument: Nehmen Sie ihn zu jedem Termin und zur Geburt mit.
Zwei Ergebnisse stehen bewusst nicht darin. Bei der Lues-Suchreaktion wird nur vermerkt, dass der Test gemacht wurde, nicht sein Ergebnis. Auch das Ergebnis des HIV-Tests wird nicht eingetragen und vertraulich behandelt. Antikörper, die beim Suchtest gefunden werden, gehören dagegen in den Mutterpass, selbst wenn sie dem Kind nicht schaden, weil sie bei einer Bluttransfusion für Sie wichtig sein können.
Bluttests außerhalb der Kassenvorsorge
Nicht jeder Bluttest, der in der Schwangerschaft angeboten wird, gehört zur gesetzlichen Vorsorge. Tests auf Toxoplasmose oder Zytomegalie zählen ohne konkreten Verdacht zu den individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL), die Sie selbst bezahlen. Das gilt auch für bestimmte Untersuchungen der Pränataldiagnostik.
Der Bluttest auf die Trisomien 13, 18 und 21 (NIPT) ist eine Kassenleistung nur, wenn er im Einzelfall geboten ist, um eine Frage zu klären, die Sie und Ihre Ärztin oder Ihr Arzt gemeinsam besprochen haben. Eine statistisch erhöhte Wahrscheinlichkeit allein reicht dafür nicht. Alle vorgeburtlichen Untersuchungen sind freiwillig, und vor einem genetischen Test steht eine Beratung.
Müssen Sie zur Blutabnahme nüchtern kommen?
Für die meisten Blutwerte der Vorsorge müssen Sie nicht nüchtern sein, auch nicht für den kleinen Zuckertest. Nüchtern kommen Sie nur zum großen Zuckertest mit 75 g: mindestens acht Stunden ohne Essen. Wann ein Labor sonst eine Blutabnahme nüchtern verlangt, steht im Ratgeber zur Vorbereitung.
Wie der kleine und der große Test ablaufen, welche Grenzwerte gelten und was ein auffälliges Ergebnis für Sie bedeutet, erklärt der Artikel zum Zuckertest in der Schwangerschaft. Trinken Sie vor den übrigen Blutabnahmen ganz normal Wasser, und nehmen Sie Ihre Medikamente wie gewohnt, wenn Ihre Ärztin oder Ihr Arzt nichts anderes sagt.
Nach der Geburt gelten wieder die üblichen Bereiche. Welche Werte sich bei Frauen ohnehin von denen der Männer unterscheiden, etwa Hämoglobin und Ferritin, erklärt der Artikel über die Blutwerte bei Frauen. Heben Sie Ihre Befunde aus der Schwangerschaft auf: Sie helfen später, eigene Werte mit früheren zu vergleichen.
